Wenn es schon eine fertig vorbereitete und aussagekräftige Homepage zu meinem neuen Zuhause gibt, dann will ich die Chance auch nutzen und ein paar Takte zu diesem, meiner Meinung nach, zukunftsträchtigen Lebens- und Wohnprojekt beisteuern.
Ich bin also Thomas, ein typisch untypischer Mittfünfziger, der sich vor ca. einem halben Jahr vor die Herausforderung gestellt sah, sein Leben neu, oder zumindest anders als bisher, zu gestalten. Grund hierfür war nicht etwa eine akute Midlife-Crisis, sondern eine gescheiterte Ehe und die damit verbundene Mammutaufgabe im Münchner Umland eine neue Wohnung zu finden, die einerseits finanziell leistbar ist, aber andererseits auch die Möglichkeit bietet meine beiden sechs und elf Jahre alten Söhne an möglichst vielen Wochenenden und in den Ferien bei mir haben zu können.
Und weil ich neben meinem Vaterjob auch noch mitten im Berufsleben stehe, welches sich seit der COVID-Ära mittlerweile hauptsächlich im Home-Office abspielt, benötigte ich irgendwie mehr, als ein
Einzimmerapartment. So wurde mir schnell klar, dass ich am direkten Stadtrand von München kaum eine Chance habe, ein passendes Zuhause zu finden. Mein Suchradius vergrößerte sich, aber immer wieder erkannte ich, dass jede freie Wohnung innerhalb meines Budgets, ein mehr oder minder großer Kompromiss wäre, weil ich regelmäßig Abstriche machen müsste, die gegen meine Interessen und oder Bedürfnisse gelaufen wären. Als ehemaliger Einfamilienhausbesitzer habe ich in den vergangenen Jahren mein handwerkliches Geschick verfeinert und häufig Do-It-Yourself-Projekte gesucht und mich in meine kleine Werkstatt begeben, anstatt zum Beispiel in ein Möbelhaus zu fahren und Fertiglösungen zu kaufen. In meiner Freizeit schnappe ich mir außerdem gerne meine Trompete und versuche mich mal für eine halbe Stunde an den unterschiedlichsten Musikgenres, oder ich entfache spontan ein kleines Feuer und grille, weil das Wetter gerade so schön ist. Diese liebgewonnenen Gewohnheiten hätte ich – zumindest in Summe – wohl in den wenigsten Kleinwohnungen beibehalten können. In dieser Zeit erinnerte ich mich an eine TV-Reportage über eine „Hofgemeinschaft“ auf einem ehemaligen Bauernhof, die als Mehrgenerationenprojekt ins Leben gerufen wurde. Irgendwie gefiel mir das Konzept schon damals und so begann ich, im Internet nach einer „Bauernhof-WG“ zu suchen. Leider ergaben sich nur zwei Treffer und beide waren für mich schon auf Grund der Entfernung nicht praktikabel. Aber immerhin hatte ich die erste Hürde genommen und mich aktiv mit ungewöhnlichen Wohnprojekten befasst. Also durchforstete ich die Suchmaschinen des Internets mit den wildesten Wortkreationen und fand mich bald auf der Website, auf der Du gerade auch gelandet bist.
Ich habe mir die Bilder angesehen, die Texte durchgelesen und mir ein kleines „Bullerbü-Szenario“ vorgestellt, welches mich letztlich zu einer Kontaktaufnahme ermutigt hat. Von da an ging alles ganz von alleine. Ich wurde zu einem Vorstellungs- und Besichtigungstermin eingeladen, bin aber ohne große Erwartungen losgefahren, nur um am Ende nicht zu enttäuscht zu sein, wenn ich feststelle, dass mein erster Versuch, eine passende Gemeinschaft zu finden noch schwieriger verlaufen könnte, als wenn man nur passende vier Wände suchen muss. Doch schon als Alex mir die Türe geöffnet hatte, durchströmte mich ein Gefühl, als ob ich einen alten Freund besuchen würde. Nach und nach kamen die vier Mitbewohnerinnen dazu und es entwickelte sich ein höchst unterhaltsamer, interessanter, vielschichtiger und lustiger Abend. Aus meiner geplanten 45-minütigen Besichtigung und Vorstellung ist ein ausgefüllter Abend geworden und auf meinem Rückweg habe ich mir bereits ausgemalt, wie ich meine Zukunft in dieser Gemeinschaft gestalten könnte. Dass ich es hier nicht mit gleichaltrigen Mitbewohnern zu tun habe hat mich zu keiner Zeit gestört. Das reine Alter ist mir vordergründig sowieso erst einmal egal. Ich habe beruflich mit Menschen zu tun, die deutlich jünger sind als ich, im Geiste aber älter wirken, als manch ein Frührentner. Hier, in meinem neuen Zuhause, habe ich eben „Senioren“ um mich, von denen ich mir gleich ein paar Scheiben abschneiden kann, was die Energie und die Schaffensfreude betrifft. Darüber hinaus sorgt die Lebenserfahrung und die Aufgeschlossenheit meiner neuen „Familie“ für ein deutlich entspannteres Miteinander, als ich es bisher unter Gleichaltrigen erlebt habe. Meine beiden Söhne kommen ebenfalls sehr gerne zu uns und genießen die unterschiedlichsten Aktivitäten, Situationen und Stimmungen. Hier wird getanzt, gelacht, geweint, gearbeitet, gefaulenzt, gespielt, gekocht, gegessen, geredet, oder mit einem Wort gesagt: GELEBT!
Natürlich bin ich mir dessen bewusst, dass ich hier noch keine allzu großen Herausforderungen bewältigen musste und dass hier sicherlich auch ernsthafte Probleme auf uns alle zukommen können und trotzdem, oder gerade deswegen bin ich überzeugt davon, dass ich DEN Sechser im Lotto gewonnen habe, denn ich fühle mich hier glücklich und angekommen, aber noch viel wichtiger: ich fühle mich hier geborgen und nicht alleine!
Thomas